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BVG PLUS Nr. 11 / November 2022
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WIR WAREN IMMER UNSERE FAMILIE«
Lange war es ruhiger um sie geworden, doch nun melden sich Tokio Hotel mit einem neuen Album zurück
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Von vier Teenagern in
Magdeburg gegründet,
gelang Tokio Hotel
mit „Durch den Monsun“ der
Durchbruch. 17 Jahre und fünf
Platten später sind die vier
Jungs immer noch da. Wir ha
ben Bill und Tom Kaulitz so
wie Georg Listing via Zoom
an die Strippe bekommen. Ein
gut gelauntes Gespräch über
den Umgang mit plötzlichem
Ruhm, den Wert von Freund
schaft und ein Album, das an
ihre Anfänge erinnert.
Wo erreiche ich euch gerade?
Tom: Ich bin gerade seit ein
paar Stunden zurück in L. A.,
nachdem Bill und ich davor in
Deutschland waren, um unse
ren Pod cast-Geburtstag zu fei
ern.
Bill: Ich bleib noch ein paar Ta
ge bei Georg in Berlin, um Wer
bung für „2001“ zu machen.
Euer neues Album hat sich
wegen Corona mehrmals
verzögert. Wie geht es euch so
kurz vor dem Erscheinen?
Bill: Wir sind wahnsinnig auf
geregt, es fühlt sich noch total
unwirklich an. Wir haben viele
Jahre im Studio verbracht und
so viele Songs produziert, die
se immer wieder ausgetauscht.
Das Album war in ständiger
Bewegung.
Tom: Nun ist es so ein unfass
bar starkes Album, dass ich
selbst Angst davor habe. (lacht)
Ich freue mich extrem, das end
lich mit den Fans zu teilen.
Früher hieß es, ihr seid zu
poppig für Rock und zu rockig
für Pop. Wie würdet ihr euren
Sound heute beschreiben?
Bill: Es ist eine moderne Pop-
Platte, aber viel breiter gefä
chert als früher. Wir haben
wieder mehr Gitarren dabei,
es gibt Glam-Rock-Einflüsse.
Die 80er und Synthesizer wer
den uns immer begleiten, damit
sind wir aufgewachsen, das be
kommen wir nicht aus uns raus.
Heute darf man Gott sei Dank
aus den Genres ausbrechen. Es
gibt doch auch nichts Lang
weiligeres, als wenn alle Songs
gleich klingen!
Ihr habt einen ganz unter
schiedlichen Musikgeschmack.
Wie kommt ihr trotzdem auf
einen gemeinsamen Nenner?
Georg: Wir haben eine sehr
ähnliche, sehr klare Vision für
die Band. Jeder kann seine Ein
flüsse mit reingeben und daraus
entsteht dann der Tokio-Hotel-
Sound.
Tom: Auf der Platte hat jeder so
seine Lieblingssongs. Aber die
gute Produktion, die am Ende
durch mich gemacht wird, fin
det dann am Ende sowieso je
der gut. (alle lachen)
Es gibt euch seit mehr als
20 Jahren, wieso ist „When We
Were Younger“ der erste Song
über eure Freundschaft?
Bill: Wir haben gerade das Ge
fühl, dass es so schön ist wie
noch nie. Wir sind alle privat
an einem Punkt, wo es uns gut
geht, wo wir eine gute Balance
haben. Es gab eine Phase, da
dachten wir, es wiederholt sich
alles nur. Aber gerade fühlt es
sich so an, als wäre musikalisch
und karrieremäßig alles mög
lich. Plötzlich gehen Träume in
Erfüllung, die wir nie für mög
lich gehalten hätten. Das hat
uns dazu gebracht, einen Song
über uns zu machen, über un
ser Urvertrauen. Eine Liebes
botschaft an uns selbst.
Als Teenager hat sich euer Le
ben von einem Tag auf den an
deren radikal verändert. Wie
geht man in diesem Alter mit
plötzlichem Erfolg, aber auch
Missgunst und sogar Hass um?
Tom: Dafür gibt es kein Rezept.
Wir waren damals 15 und na
türlich total überwältigt von al
lem. Bill und ich hatten grund
sätzlich nichts dagegen, im
Rampenlicht zu stehen. Aber
mit der Zeit ist alles außer Kon
trolle geraten. Für die Boule
vardpresse war unser Privatle
ben wichtiger als die Musik.
Wir wurden einfach nicht in
Ruhe gelassen.
Bill: Es gab Momente, wo wir
hinschmeißen wollten, abhauen
wollten, wo wir am Ende waren.
Der Grund, warum wir heute
noch hier sitzen, ist der, dass wir
vier uns hatten. Wir waren unse
re Familie. Solch eine Erfahrung
schweißt natürlich wahnsinnig
zusammen. Wir haben das letzt
lich gemeinsam mit viel Lachen
und Humor durchgestanden.
Aber ihr beide, Tom und Bill,
habt ja dann auch tatsächlich
2010 die Reißleine gezogen
und seid nach L. A. gezogen.
Warum ausgerechnet dorthin?
Tom: Los Angeles war einfach
möglichst weit weg, und gleich
zeitig kannten wir dort schon
viele Leute. Wir wollten uns
nur verstecken, in L. A. geht das
sehr gut. Jeder lebt für sich in
seinem Haus, man fährt nur
mit Autos durch die Gegend, es
ist alles sehr privat.
-
Habt ihr den Schritt je bereut?
Bill: Nein, nie. Nur, dass wir
nicht schon früher abgehau
en sind. Wir hätten uns eini
ges ersparen können. Aber
grundsätzlich war das der rich
tige Move. Wir brauchten eine
Pause von der Öffentlichkeit,
und die Öffentlichkeit brauchte
auch eine Pause von uns.
Eurer Karriere hat der Umzug
nicht geschadet. Wundert
ihr euch manchmal selbst
darüber, dass es Tokio Hotel
noch gibt?
Tom: Manchmal schon. Aber
das liegt an dieser unglaubli
chen Verbindung, die wir ha
ben. Wir sind in erster Linie be
freundet, wie Brüder. Und dann
haben wir auch noch ’ne Band.
Wir spüren da einfach ein tiefes
Vertrauen.
Georg: Es fühlt sich an wie Fa
milie. Es gibt keine Missgunst
und keinen Neid zwischen uns.
Bill: Wir freuen uns über die
Erfolge der anderen. Wir brau
chen uns auch gegenseitig. Oh
ne Georg zum Beispiel wür
de die Hälfte meiner Projekte
nicht funktionieren. Je älter
wir werden, desto klarer wird,
wo jeder seine Stärken hat.
Tom: Es ist unser Glück, dass
sich nicht alle im Rampenlicht
wohlfühlen. Viermal Bill würde
auch nicht funktionieren, vier
egoistische Narzissten hält kei
ne Band aus. (alle lachen)
In eurem Podcast „Kaulitz
Hills“ gewährt ihr private Ein
blicke in euer Leben. Ihr habt
dazu mal gesagt, ihr gebt jede
Woche eine Stunde Interview
für die Klatschpresse. Was
meint ihr damit?
Bill: Vor etwa 10 Jahren haben
wir aufgehört, mit den Bou
levardmedien zu sprechen.
Wir sind da einfach noch ge
brandmarkt aus unserer An
fangszeit mit Tokio Hotel, als
wir in Deals gezwungen wur
den. Das war eine Zeit, wo die
Redakteure immer noch eine
Story in der Hinterhand hat
ten. Wir wurden regelrecht er
presst. Klar berichten sie trotz
dem über uns, aber wir setzen
nun die Themen und lassen
uns nicht dazu hinreißen, jedes
Gerücht oder jede Falschmel
dung zu korrigieren. Wir sind
da heute gelassener.
Kann euch eigentlich noch
irgendwas schocken? Gibt
es No-Gos?
Bill: Wenn wir das Gefühl hät
ten, dass der Redakteur seine
Geschichte schon im Kopf fertig
geschrieben hat und die Fragen
gezielt böse sind und einfach ein
schlechter Vibe da ist. Da wür
de ich die Reißleine ziehen. Wir
haben aber tatsächlich noch nie
ein Interview abgebrochen.
Georg: Aber wir zie hen natür
lich unsere Grenzen. Wir geben
keine Interviews über unsere
Familien oder verraten intime
Details.
Bill: Georgs Sexleben versu
chen wir immer rauszuhalten,
denn das ist einfach wahnsinnig
unschön, damit wollen wir kei
ne Fans vergraulen. (alle lachen)
Du dagegen redest ja sehr
offen darüber, dass du auf
Partnersuche bist. Ich
gehört, du stehst auf Uni
formen. Bei der BVG gibt es
übrigens viele Mitarbeiter in
Dienstkleidung ...
Bill: Mist, wir hätten das In
terview doch bei euch machen
sollen! (lacht)
Was wäre denn aus euch
geworden, wenn es damals
nicht geklappt hätte mit der
Musikkarriere?
Bill: Ich wäre Musicaldarsteller,
am liebsten Simba bei „König
der Löwen“.
Tom: Bei mir hätte es in zwei
Richtungen gehen können.
Entweder Dorfproll, so ein Kfz-
Mechaniker in Magdeburg.
Oder Anwalt. (lacht)
Der Podcast läuft erfolgreich
auf Spotify, ihr wurdet als
beste Newcomer ausgezeich
net. Könntet ihr euch in der
Rolle der Moderatoren sehen?
Bill: Ich glaube, die Chemie
stimmt vor allem, weil wir kei
nen Redakteur oder Cutter ha
ben, sondern alles selbst ma
chen. Aber nur weil wir eine
tolle Energie haben im Pod
cast, heißt das nicht, dass wir
als Moderatoren genauso gut
funktionieren würden. Erfolg
kann man nie planen. Genau
so ist das mit der Musik. Du
kannst dich nicht hinsetzen
und sagen, heute schreibe ich
einen Hit, so funktioniert das
nicht. Dafür braucht es viel
Liebe und Leidenschaft.
Bill, deine Leidenschaft gehört
auch der Mode. Du hast ein
eigenes Modelabel. Jetzt sind
wir gespannt: Wie gefällt
dir die neue Sitzmuster-
Kollektion der BVG?
Bill: Ich muss es euch wirklich
lassen: Sehr geile Idee und cool
umgesetzt! Die nächste Kollek
tion mach ich dann für euch.
(lacht) Aber im Ernst. Mit Sitz
mustern verbinde ich Kindheit,
Nostalgie. Ihr verbindet Altes
und Tradition mit etwas Neu
em. Genau wie wir auf unse
rem neuen Album „2001“. Wir
haben ganz schön viel gemein
sam! Back to the future!
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